Nationalteam Männer • 19.01.2026

Obwohl Montenegro für das abschliessende EM-Gruppenspiel sportlich bereits ausgeschieden ist: bedeutungslos ist dieser Gegner dennoch keineswegs. Denn das Duell entscheidet nicht nur darüber, ob die theoretische Chance auf die EM-Hauptrunde bestehen bleibt, sondern beeinflusst auch direkt die Ausgangslage für den Weg zur WM 2027. Wer jetzt liefert, verschafft sich Luft; sportlich, rechnerisch und perspektivisch.
Montenegro reiste mit einem klaren Profil an die EM 2026 und mit der Erfahrung, dass enge Spiele auf diesem Niveau jederzeit in beide Richtungen kippen können. Das Team hat sich mit der bislang erfolgreichsten EM-Qualifikation ihrer Geschichte (vier Siege, ein Remis, eine Niederlage) als Zweitplatzierte hinter Ungarn durchgesetzt und damit ihre kontinuierliche Entwicklung unterstrichen. Seit 2014 ist Montenegro an jeder Europameisterschaft vertreten, mit steigender Tendenz: Platz 11 im Jahr 2022 markierte den bisherigen Höhepunkt, zuletzt folgte Rang 14 bei der EM 2024.
Der Turnierstart in Oslo zeigte beide Seiten dieses Teams. Gegen Slowenien lieferte Montenegro ein Offensivspektakel (41:40), war über weite Strecken ebenbürtig und hatte bis in die Schlussminute hinein Siegchancen. Zwei Tage später folgte jedoch eine deutliche 24:37-Niederlage gegen die Färöer; ein Resultat, das vor allem die defensive Anfälligkeit und Probleme im Rückzug offenlegte. Hinzu kommt eine personelle Hypothek: Rückraumspieler Risto Vujačić ist nach einer direkten Disqualifikation gesperrt und fehlt im Duell gegen die Schweiz. Trotzdem bleibt Montenegro ein unangenehmer Gegner. Das Team lebt von seiner Physis, einer aggressiven Abwehr und vor allem von der individuellen Qualität im Rückraum. Branko Vujović (Nr. 11) ist der zentrale Akteur im Angriff: Der Rechtshänder war bereits in der Qualifikation Topskorer, erzielte gegen Slowenien elf Tore und trägt die offensive Verantwortung mit grosser Konsequenz aus der Distanz. Auf dem linken Flügel sorgt Miloš Vujović (Nr. 6) für Erfahrung und Abschlussstärke; der Routinier bestreitet in Oslo bereits seine siebte EM-Endrunde. Radojica Čepić, ist aus Schweizer Sicht kein Unbekannter ist. Der Rückraumspieler steht bei HC Kriens-Luzern unter Vertrag und erzielte dort in dieser Saison in 14 Partien bereits 66 Tore. An der EM war Čepić in den ersten beiden Spielen siebenmal erfolgreich und gehört damit zu den verlässlichen Optionen im montenegrinischen Angriffsspiel.
Neu geprägt wird das Team von Didier Dinart, der seine erste EM als Nationaltrainer Montenegros bestreitet. Der frühere französische Abwehrspezialist und mehrfache Olympiasieger steht für defensive Organisation, körperliche Präsenz und klare Rollen. Seine Handschrift ist erkennbar, auch wenn noch nicht alles greift. Ein gewichtiger Ausfall ist Torhüter Nebojša Simić, dessen Fehlen insbesondere gegen die Färöer schmerzlich sichtbar wurde. Für die Schweiz ergibt sich daraus ein klar umrissener Prüfstein. Montenegro verfügt über gefährliche Shooter, sucht das Tempo über schnelle Mitte und Gegenstösse und ist emotional schwer zu bremsen, wenn es ins Rollen kommt. Gleichzeitig haben die bisherigen Spiele gezeigt, dass konsequente Defensive, diszipliniertes Rückzugsverhalten und Geduld im Positionsangriff Wege öffnen können.
Nach der bitteren 35:38-Niederlage gegen Slowenien hat die Schweiz die Kontrolle über das eigene Weiterkommen verloren. Slowenien ist qualifiziert, Montenegro ausgeschieden; für das Schweizer Nationalteam bleibt nur noch ein schmales Szenario. Die Nati muss gegen Montenegro deutlich gewinnen und gleichzeitig auf einen Sieg Sloweniens gegen die Färöer hoffen. Entscheidend könnte dabei sogar die Anzahl erzielter Tore werden. Denn sollten die Färinger verlieren und die Schweiz das Torverhältnis mit einem deutlichen Sieg egalisieren, kommt es auf die Anzahl geworfener Tore an. Die Färinger haben aktuell 65 Treffer auf ihrem Konto, die Schweiz deren 63. Sportlich wie mental ist die Aufgabe also anspruchsvoll. Für die Schweiz gilt deshalb: Rechnen hilft nur, wenn zuvor geliefert wird. Nur mit einem starken Auftritt über 60 Minuten bleibt die Chance auf die Hauptrunde bestehen.
Für die Schweiz geht es im letzten Gruppenspiel nicht nur um die Chance auf die Hauptrunde der EM 2026. Auch im Hinblick auf die WM-Qualifikation 2027 hat das Duell mit Montenegro grosses Gewicht. Europa stellt neben den bereits qualifizierten Nationen Dänemark und Deutschland 14 WM-Startplätze. Vier davon werden direkt über das EM-Ranking vergeben (die vier besten Teams neben Dänemark als amtierendem Weltmeister und Deutschland als Veranstalter). Die übrigen Plätze führen über ein mehrstufiges Qualifikationssystem. Entscheidend ist dabei die EM-Endplatzierung: Die Teams auf den Rängen 7 bis 16 starten in der entscheidenden Qualifikationsphase 3 im Lostopf 1 und haben damit deutlich bessere Ausgangsbedingungen. Die Ränge 17 und 18 hingegen landen in Lostopf 2 und müssen gegen stärkere Gegner antreten.
Für die Schweiz bedeutet das:
Ein Sieg gegen Montenegro würde mindestens Rang 16 absichern und verhindern, zu den beiden schlechtesten Gruppendritten zu gehören. Damit hätte die Nati ihre Ausgangslage für den Weg zur WM 2027 erheblich verbessert, unabhängig vom EM-Ausgang in Oslo. Sollten die Schweizer auf Rang vier abrutschen, müssten sie bereits eine Runde früher in die WM-Quali einsteigen und würden in der Runde danach zwangsläufig in Lostop 2 landen. Kurz gesagt: Heute geht es nicht nur um diese EM, sondern auch um den Weg zur nächsten WM.
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