Vom ersten Pfiff bis zur Weltbühne mit Felix Rätz

27.09.2026

Felix Rätz sitzt in der Halle. Vor seinen Augen läuft ein Handballspiel. Kein Auftrag, kein offizielles Mandat. Einfach privat. Eigentlich könnte er sich zurücklehnen und das Spiel geniessen. Eigentlich.

Denn nach wenigen Sekunden passiert, was seit Jahrzehnten tief verankert ist: Felix zählt die Spieler auf dem Feld. Er beobachtet die Schiedsrichter. Er sieht einen Entscheid und fragt sich: Hätte ich in dieser Situation anders gepfiffen? «Ich kann meine Rolle als Schiedsrichter nie wirklich abstreifen, auch wenn ich eigentlich nur als Zuschauer vor Ort bin.»

Handball ist für Felix Rätz längst mehr als ein Sport. Es ist ein Stück Lebensgeschichte – und seit rund 50 Jahren Teil seines Alltags.

Angefangen hat alles mit einem «zu klein»
Als Teenager kam er im Turnverein Reinach erstmals mit Handball in Berührung. Beim ersten Sichtungstraining wollte er ins Tor.

Die Antwort: zu klein.

Ein Jahr später, mit 15 Jahren, klappte es dann doch mit dem Handball. Und kaum hatte Felix richtig angefangen zu spielen, wartete schon die nächste Aufgabe auf ihn. Ein Vereinsschiedsrichter fragte ihn, ob die Rolle hinter der Pfeife etwas für ihn wäre. Mit 18 absolvierte er den Anwärterkurs und wurde Schiedsrichter.

Das Pfeifen wurde zu einem festen Bestandteil seines Lebens. Parallel spielte Felix weiter Handball, studierte Sport, Geschichte und Geografie an der Universität Basel und begann danach, als Lehrer zu arbeiten. Auch als Coach war er eine Zeit lang tätig. Gleichzeitig entwickelte er sich als Schiedsrichter weiter und schlug schliesslich den Weg auf die internationale Bühne ein.

Er leitete selbst Spiele an Europa- und Weltmeisterschaften. Später begann er, Grossanlässe als Delegierter der EHF und IHF zu begleiten und tut dies bis heute noch. Mit den Jahren verschob sich sein Schwerpunkt jedoch noch stärker auf die Ausbildung.

Heute ist Felix Rätz unter anderem als Coach des Schweizer Elite-Kaders tätig und seit Kurzem auch Koordinator für die Delegiertenausbildung bei der IHF. Doch egal, welche Rolle er im Handball gerade innehat – für Felix geht es immer um das Gleiche: Menschen in ihrer Funktion als Referee besser zu machen.

Internationale Klasse zu Gast in der Schweiz
Dass diese Arbeit auch immer wieder über die Schweizer Grenzen hinausgeht, zeigt sich im Dezember. Dann kommt ein internationales Spitzenduo aus Uruguay für ein Trainee in die Schweiz. Die beiden Schiedsrichter durften unter anderem den kleinen Final an der Frauen-WM leiten und erhalten nun im Rahmen von sechs QHL-Spielen die Möglichkeit, gezielt an ihrem nächsten Entwicklungsschritt zu arbeiten.

Felix wird das Duo während den zwei Wochen begleiten. Er analysiert Entscheidungen, Körpersprache, Kommunikation und das Verhalten unter Druck. Dabei geht es nicht nur darum, was richtig oder falsch war, sondern auch darum, wie ein Entscheid verkauft wird und wie das Schiedsrichterpaar auf dem Feld wirkt.

Die Begleitung dieser beiden Schiedsrichter ist ein Beispiel dafür, wofür Felix' Feuer nach so vielen Jahren noch immer brennt. Er schaut unzählige Spiele online oder live, erstellt Entscheidprotokolle und gibt den Schiedsrichter*innen anschliessend persönliches Feedback.

Seine jahrzehntelange Erfahrung als Schiedsrichter hilft ihm dabei. Auch sein früherer Beruf als Lehrer prägt seinen Ansatz: «Ich kann Menschen nur verbessern, wenn ich ihnen auf eine positive Art Feedback gebe.»

Umgang auf Augenhöhe ist ihm wichtig. Dazu gehört auch Ehrlichkeit. Wenn eine Leistung gut war, sagt er das. Wenn sie es nicht war, ebenfalls. Und wenn die Schiedsrichter*innen mit seiner Einschätzung nicht einverstanden sind, darf das genauso sein. Vertrauen entsteht für Felix nicht dadurch, dass immer alle einer Meinung sind, sondern dadurch, dass man offen und respektvoll miteinander spricht.

Das schönste Kompliment? Wenn jemand nach der Zusammenarbeit sagt: «Ich konnte von Felix profitieren, auf eine angenehme Art.»

Der Mensch hinter dem Pfiff
Vielleicht ist genau das die grosse Konstante in Felix' Handballleben: Es geht ihm nie nur um den Entscheid. Es geht um die Menschen dahinter. Um junge Schiedsrichter*innen, die lernen müssen, mit Druck umzugehen. Um erfahrene Duos, die den nächsten Schritt machen wollen. Und um Talente, die irgendwann international pfeifen könnten.

Dass dieser Weg möglich ist, zeigen die Erfolge Schweizer Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen auf internationaler Ebene. Brunner/Salah gehörten zwischen 2017 und 2024 zur absoluten Weltspitze. Das Frauen-Duo Müller/Schaad wurde vor drei Jahren als EHF-Referees aufgenommen. Und die Jungtalente Hardegger/Hardegger stehen nach zwei Jahren auf EHF-Stufe vor dem nächsten Schritt: Die beiden wurden von der IHF für die Premiere der U16-Frauen-Weltmeisterschaft in Marokko nominiert.

Diese Erfolge erfüllen Felix mit Stolz und sind für ihn zugleich eine Bestätigung des Ausbildungssystems in der Schweiz: «Die Strukturen, die wir im SHV haben, sind absolut genial. Wir sind in vielen Bereichen ein Stück weit führend.» Psychologische Betreuung, Atemtechnik- und Körpersprachetraining gehören ebenso zur Ausbildung wie die frühe Erfassung und gezielte Begleitung von Talenten.

Aus einem kleinen Funken kann so etwas Grosses entstehen. Felix Rätz ist dafür selbst das beste Beispiel: Was einst mit einem «zu klein» und einem ersten Pfiff begann, ist heute eine fast 50-jährige Geschichte voller Handball, Entwicklung und Leidenschaft.

Es braucht Menschen wie ihn, die den Funken der Schiedsrichterei weitertragen – damit auch die nächste Generation ihren Weg in die Halle findet. Denn ohne Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen kein Spiel.

Be the spark: Werde auch du hinter der Pfeife aktiv!

In seinen jungen Jahren wurde Felix gefragt, ob er Schiedsrichter werden möchte. Heute ist er derjenige, der andere auf ihrem Weg begleitet. Vielleicht braucht es auch bei dir nur diesen einen Funken. Vielleicht beginnt mit deinem ersten Pfiff eine Geschichte, die dich – wie Felix – ein Leben lang begleitet.

Quelle: Quelle: SHV; Daniela Wicky (Text) / ZvG (Bild)

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