Handballkindergarten: Wo die ersten Funken für den Handball überspringen

27.09.2026

Sonntagmorgen in Oberwil. In der Turnhalle saust ein Kind durch den Parcours, ein anderes sitzt im Ballwagen und lässt sich von seinen Eltern durch die Halle schieben. Es wird geklettert und gerutscht. Und irgendwo dazwischen ist immer ein Handball in Bewegung. Willkommen im Handballkindergarten des HC Oberwil.

Als vor gut zwei Jahren die Idee zu diesem innovativen Angebot entstand, fehlte es dem Verein an Nachwuchs. U-Teams gab es noch kaum oder wenn dann waren sie unterbesetzt. Gleichzeitig stellten die Vereinsverantwortlichen fest, dass es im Dorf nur wenige Sportangebote für kleinere Kinder gab. Dominique Spohn, welcher zusammen mit Aurelia Wagner den Handballkindergarten leitet, dazu: «Man konnte mit den Kids auf den Spielplatz gehen oder ins Mukiturnen. Viel mehr gab es nicht.»

Doch wo etwas fehlt, entsteht zugleich die Chance, etwas Neues zu schaffen. Manchmal braucht es eine Lücke, damit ein neuer Funke überspringt – in Oberwil entstand daraus der Handballkindergarten.

Und dieser soll bewusst mehr sein als eine offene Turnhalle, wo Material zur Verfügung steht und die Kinder sich zusammen mit ihren Eltern selbständig ausprobieren. Aurelia betont: «Wir geben uns sehr viel Mühe mit den verschiedenen Posten und lassen uns immer wieder Kreatives einfallen. Zudem ist unser Angebot sehr zielgerichtet.» Das bedeutet: Die Kinder sollen nicht nur ihre Freude an der Bewegung ausleben, sondern auch mit dem Handballsport in Berührung kommen und im besten Fall mit der Zeit Feuer und Flamme dafür werden.

Die 1.5 Stunden am Samstag- oder Sonntagmorgen laufen immer etwa ähnlich ab: Gemeinsames Aufwärmen mit Tanzen, danach das Absolvieren der wechselnden Stationen und die grösseren Kinder betätigen sich bereits mit Softhandball. «Allgemein legen wir Wert darauf, dass wir den Ball viel integrieren und die Kinder auch bereits mit Elementen aus dem Handball vertraut werden. Dazu gehören natürlich das Werfen und Fangen sowie die drei Schritte» so Dominique.

Spielerisch zum ersten Handballfunken
Und trotzdem geht es nicht darum, dass die Kinder technisch perfekt einen Handball werfen können. Im Gegenteil. Die Kleinen dürfen klein anfangen. Für die Jüngsten wird ein Bällebad aufgebaut. Luftballon-Stationen helfen denjenigen, die vor einem Ball zunächst noch Respekt haben. Und ein Ballwagen wird kurzerhand zum Spielgerät, indem er fiktiv als Auto durch die Halle fährt. Aurelia, welche im Nachbarsdorf als Kindergärtnerin arbeitet, ist überzeugt: «Genau darin liegt die besondere Stärke des Handballkindergartens. Jedes Kind darf auf seine Weise mitmachen. Zudem sind bei uns Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht willkommen, alle trainieren zusammen. So entstehen, gerade für die Mädchen, keine unnötigen Hemmschwellen. »

Auch Spieler der ersten Mannschaft kommen zwischendurch mal auf einen Besuch vorbei und sind dann die grossen Stars in der Turnhalle. Doch die eigentlichen Vorbilder für die Drei- bis Fünfjährigen sind häufig noch Mama und Papa. Und deshalb gehören auch sie zum Konzept. Dominique dazu: «Der Handballkindergarten ist kein Training, bei dem Eltern ihre Kinder abgeben. Sie machen mit, unterstützen und begleiten. Das macht den Einstieg für viele Kinder einfacher und nimmt ihnen die Angst vor Neuem.»

Dass dies durchaus ein Erfolgsrezept ist, beweist auch die hohe Anzahl Kinder, die jeweils zusammen mit ihren Eltern den Weg in die Halle finden. An einem gut besuchten Handballkindergarten nehmen fast immer um die 50 Kinder und ihre Eltern gleichzeitig teil. Vom Ansturm sind auch Dominique und Aurelia überrascht: «Das ist unglaublich. Damit hätten wir nicht gerechnet. Trotzdem läuft es immer friedlich ab und das Konzept funktioniert auch mit dieser hohen Anzahl Teilnehmenden gut.»

Das Feuer für den Handballkindergarten ist entfacht, sogar über die Dorfgrenze hinaus. Und das ohne Werbung, sondern hauptsächlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Mittlerweile kommen nicht nur Kinder aus Oberwil, sondern auch aus anderen Gemeinden regelmässig. Vielleicht ist es auch die unkomplizierte Art, die den Handballkindergarten mitunter so beliebt macht. Das Angebot ist kostenlos, eine Anmeldung braucht es nicht. Wer kommt, kommt. Wer auch mal nur eine Stunde bleiben möchte, geht früher – und kommt beim nächsten Mal einfach wieder. Unterschiedliche Bedürfnisse werden berücksichtigt. Und so entsteht Nähe.

Nachwuchs beginnt ganz klein
Aus dem gemeinsamen «Spielen» wird in vielen Fällen mehr – und dadurch profitiert auch der Verein enorm. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Minis der Kategorien U7 bis U11 fast verdreifacht. Das U7-Team konnte überhaupt erst als positiver Folgeeffekt des Handballkindergartens gegründet werden, und beim U9-Team sind heute ungefähr doppelt so viele Kinder dabei wie zuvor.

Das Beispiel zeigt schön: Aus dem ersten Kontakt mit dem Ball wird Begeisterung. Und aus der Begeisterung kann irgendwann eine Leidenschaft entstehen. Manchmal beginnt eine Handballgeschichte eben nicht mit einem Spiel oder einem Tor. Sondern mit einem Sonntagmorgen im Handballkindergarten. Mit Mama oder Papa an der Seite.

Der Handballkindergarten ist der Ort, an dem der erste Funke überspringt. Und irgendwann in Zukunft läuft vielleicht eines dieser Kinder als Nationalspieler*in im Schweizer Trikot aufs Feld. Oder vielleicht steht es eines Tages selbst als Elternteil im Handballkindergarten und begleitet sein eigenes Kind bei den ersten Schritten auf dem Handballfeld. Und dann sitzen Aurelia und Dominique vielleicht irgendwo am Rand, schauen mit leuchtenden Augen zu und wissen: Ihr Herzensprojekt lebt weiter.

Den Funken auch in deinem Verein überspringen lassen

Vielleicht hat dich die Erfolgsgeschichte des Handballkindergartens inspiriert und du möchtest in deinem Verein auch etwas Ähnliches auf die Beine stellen. Aurelia Wagner und Dominique Spohn stellen sich gerne für einen Austausch zur Verfügung. Melde dich bei Interesse direkt bei ihnen.

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Quelle: SHV; Daniela Wicky (Text) / ZvG (Bilder)

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