Das Ziel verpasst, eine Reaktion gezeigt

Nationalteams  •  20.10.2026

Ein deutlicher Auftaktsieg, eine schmerzhafte Niederlage und eine Steigerung gegen Russland: Das Schweizer U16-Nationalteam erlebt an ihrer ersten WM in Marokko eine Vorrunde mit unterschiedlichen Gesichtern. Das Rangziel ist verfehlt. Die Spiele zeigen aber auch, welches Potenzial im Team steckt, und was ihm noch fehlt.

Als die Namen der Spielerinnen einzeln aufgerufen werden und anschliessend die Schweizer Hymne erklingt, wird für Zoé Häusler die WM zum ersten Mal richtig greifbar. «Das war ein sehr krasser Moment, in dem man langsam realisiert hat, was man gerade erlebt», erzählt sie nach dem Auftakt. Die Hymne gemeinsam mit dem Team zu singen, sei «sehr schön und etwas ganz Besonderes» gewesen.

Drei Spiele später gehört zu dieser ersten WM-Erfahrung auch die Enttäuschung. Auf das klare 48:20 gegen Argentinien folgten ein bitteres 28:29 gegen Ägypten und ein 25:30 gegen Russland. Nationaltrainer Jürgen Fleischmann zieht eine entsprechend ehrliche Bilanz: «Rangmässig haben wir das Ziel weit verfehlt.» Gleichzeitig bezeichnet er ausgerechnet die zweite Niederlage als das beste Spiel seines Teams im bisherigen Turnier.

Was gegen Argentinien gelang – und gegen Ägypten fehlte
Der Auftakt hatte vieles von dem gezeigt, was sich das Trainerteam vorgenommen hatte. Die in Tenero intensiv trainierte Deckungsarbeit funktionierte, ebenso das Umschaltspiel nach vorne. Besonders freute Fleischmann, dass seine Spielerinnen auch bei 15 Toren Vorsprung in der Pause konzentriert blieben. Sie nahmen sich vor, nach dem Seitenwechsel erneut nur zehn Gegentreffer zuzulassen und setzten das um. Auch die ungewohnten Bedingungen schienen das Team weniger zu beschäftigen als befürchtet. «Ich glaube, wir konnten mit dem harzfreien Ball besser umgehen, als wir gedacht hatten», sagte Häusler nach dem ersten Spiel. Die Nervosität habe das Team ebenfalls gut im Griff gehabt.

Fleischmann ordnete den hohen Sieg allerdings schon direkt nach der Schlusssirene vorsichtig ein: Eine eher leichte Aufgabe habe das Team sehr gut gelöst. Die grösseren Herausforderungen würden erst kommen. Gegen Ägypten gelang es den Schweizerinnen dann nicht, an diesen Auftritt anzuknüpfen. Aus Sicht des Trainers fehlten die Bereitschaft, die Zweikämpfe anzunehmen, und der Mut im Angriff. Vorbereitete Absprachen wurden zu oft nicht eingehalten. Fleischmann vermutet, dass sein Team nach dem deutlichen Auftakt insgeheim nochmals ein ähnliches Spiel erwartet hatte. Den verpassten Punktgewinn machte er deshalb nicht am letzten, vergebenen Penalty fest. «Es hätte über das ganze Spiel genügend Möglichkeiten gegeben wegzuziehen. Wir haben Ägypten aber immer wieder ins Spiel zurückgebracht.» Diese Niederlage wiegt für ihn in der Vorrundenbilanz besonders schwer.

Gegen Russland zeigt das Team eine Reaktion
Vor dem abschliessenden Gruppenspiel forderte Fleischmann eine andere Einstellung. Gegen die körperlich starken und technisch gut ausgebildeten Russinnen war diese Veränderung für ihn sichtbar. Die Schweizerinnen nahmen die Zweikämpfe an und konnten den gegnerischen Spielfluss mit ihrer Deckung immer wieder unterbrechen. Nach Einschätzung des Trainers spielte sein Team über weite Strecken auf Augenhöhe. Bis zur 50. Minute wechselte die Führung mehrfach. Erst in den letzten zehn Minuten häuften sich die Fehler im Schweizer Angriff, die Russland mit schnellen Gegenstössen nutzte. Am Ende mussten die Schweizerinnen zusätzlich riskieren.

«Die Russinnen waren aber nicht fünf Tore besser», hält Fleischmann fest. Entscheidend für seine Bewertung ist die Leistung, die dem Resultat vorausging: Die Schweiz hielt die Partie lange offen und erspielte sich die Chance auf einen Sieg.

Damit bleibt eine Vorrunde, in der das Team seine Möglichkeiten nicht konstant abrufen konnte. «Diese Schwankungen sind ärgerlich, sind aber auf dieser Stufe weitestgehend normal», sagt Fleischmann. «Deshalb sind wir an solchen internationalen Turnieren, um diese wichtigen Erfahrungen zu machen.»

Sicherheit durch das Team
Wie die Spielerinnen diese Herausforderungen gemeinsam bewältigen, beschreibt Häusler bereits nach dem Auftakt. «Alle freuen sich für einen, und wenn einmal ein Fehler passiert, wird man sofort aufgemuntert. Dieser Zusammenhalt hat mir auf dem Feld viel Selbstvertrauen und Sicherheit gegeben.» Trotz ihrer Auszeichnung als beste Spielerin gegen Argentinien sah sie bei sich selbst Verbesserungsbedarf. Ihre Rückraumwürfe seien ihr noch nicht so gelungen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Die zusätzlichen Trainingseinheiten zwischen den Partien wollte sie nutzen, um daran zu arbeiten.

Auch Fleischmann schaut bei der Entwicklung bewusst über Tore und Auszeichnungen hinaus. Für ihn sind die «Chrampfer» in der Deckung genauso wichtig wie die Spielerinnen, die im Angriff erfolgreich abschliessen. Nach der Vorrunde hebt er unter anderem Lucienne Ebinger hervor, die als energische Antreiberin in der Defensive wertvoll sei. Bei Viola Brandt-dit-Siméon sieht er einen deutlichen Schritt im Angriff: Gegen Russland habe sie ihre Wurfqualitäten gezeigt. Diese Fortschritte ändern nichts am verpassten Rangziel. Sie zeigen aber, woran die Schweizerinnen in den verbleibenden Spielen anknüpfen kann.

Mit klarem Anspruch in die Platzierungsspiele
Für die Schweiz geht es am Donnerstag nun gegen Tunesien (11:45 lokale Zeit) in die Platzierungsspiele. Die sportliche Ausgangslage ist eine andere als erhofft, der Anspruch bleibt klar. «Selbstverständlich werden wir diese Spiele genauso seriös vorbereiten und versuchen, uns weiterzuentwickeln», sagt Fleischmann. In den letzten beiden Partien will sich sein Team durchsetzen. Die Aufgabe wird sein, die gegen Russland gezeigte Bereitschaft erneut auf den Platz zu bringen – und die guten Phasen über ein ganzes Spiel hinweg zu bestätigen.

Die Schweizer Spiele

ARG - SUI

20:48 (10:25)

EGY - SUI

29:28 (14:14)

SUI - RUS

25:30 (11:13)

TUN - SUI

Donnerstag, 22. Oktober 2026, 11:45 (UTC +2)

Marokko oder Paraguay

Samstag, 24. Oktober 2026

Alle Spiele der Schweizerinnen finden in Agadir (Marokko) in der Salle Al Inbiaat Omnisport statt. Die Spiele können auf YouTube über den IHF Competitions Kanal gestreamt werden. Weitere Insights gibt es auf dem Instagram @suihandballyouth!

Quelle: SHV / Beni Rachad (Text); kolektiff (Bild)

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