Finanzielle Situation: «Uns fehlen Einnahmen von über einer Million Franken»

Handball Schweiz  •  03.02.2021

Symbolbild leere Sitzplätze mit Fanklatschen. (Adrian Ehrbar)

Der Schweizerische Handball-Verband (SHV) kann die Mannschaftsgebühren für ausgefallene Spiele im Herbst über das Stabilisierungspaket 2020 des Bundes an die Vereine zurückerstatten. Gleichzeitig ist die finanzielle Lage des Verbands sehr angespannt. Geschäftsführer Jürgen Krucker und Finanzchef Maik Born beantworten zahlreiche Fragen zur aktuellen Situation.

Der SHV kann mit Mitteln aus dem Stabilisierungspaket des Bundes die Mannschaftsgebühren für ausgefallene Spiele im Herbst an die Vereine zurückerstatten. Wie wurde das möglich?

Jürgen Krucker: Wir setzen uns auf allen Ebenen für den Handball ein und versuchen, den entstandenen finanziellen Schaden für den Verband und die Vereine abzufedern. Alle Unterstützungsbeiträge, die nicht den Verband betreffen, geben wir selbstverständlich direkt an die Vereine weiter. Wir haben die Rückerstattung der Mannschaftsbeiträge für die Zeit von Mitte Oktober bis Dezember beim Stabilisierungspaket 2020 des Bundes angemeldet, und wir haben diese Mittel gesprochen erhalten. Deshalb freut es uns, dass wir knapp 500'000 Franken an die Vereine zurückerstatten können.

Die Meisterschaft ist auch im Januar und Februar unterbrochen. Können die Vereine auch für diese Periode mit einer Rückerstattung der Mannschaftsgebühren rechnen?

Jürgen Krucker: Sollte es im Jahr 2021 über ein weiteres Stabilisierungspaket erneut eine solche Möglichkeit geben, dann werden wir uns auch dort wieder mit aller Kraft dafür einsetzen. Wir können aber nicht zusichern, dass weitere Rückerstattungen möglich sind. Wir gehen allgemein davon aus, dass die Corona bedingten Schäden im Jahr 2021 höher sein werden als im Jahr 2020 und die Bundesunterstützung nicht zwingend höher ausfallen wird. Am Ende wird es von den vom Bund zur Verfügung gestellten Mitteln und deren Verteilung abhängen.

Die teilweise Rückerstattung von Mannschaftsgebühren für den Herbst 2020 erfolgt also nicht aus den eigenen Mitteln des SHV?

Maik Born: Nein, das wäre nicht möglich. Der Verband ist durch die Pandemie in eine ganz schwierige finanzielle Lage geraten. Uns fehlen aktuell hohe budgetierte Einnahmen, vor allem aus dem Spielbetrieb. Die Anzahl Lizenzen ist tiefer als geplant, weil alle Neumeldungen, die wir jeweils ab der zweiten Saisonhälfte erfahren, in diesem Jahr natürlich nicht dazukommen.

Daneben sind auch die Spielbetriebsgebühren, die den Vereinen für Neumeldungen, Mutationen etc. in Rechnung gestellt werden, viel tiefer ausgefallen als budgetiert. Und auf die Verrechnung der Gebühren für Spielverschiebungen haben wir ab Ende September gänzlich verzichtet, was vielen Vereinen zu Gute kam. Ausserdem fehlen uns beispielsweise auch die Zuschauereinnahmen bei Länderspielen.

Gleichzeitig sind wir froh, dass wir weiterhin auf die wertvolle Unterstützung und eine grosse Solidarität der Sponsoren zählen dürfen. In diesem Bereich verzeichnen wir glücklicherweise keinerlei Einbussen. Nichtsdestotrotz werden uns am Ende des Geschäftsjahres insgesamt über eine Million Franken an Einnahmen fehlen.

Born Maik 600

«Wir haben selbstverständlich grosse Anstrengungen unternommen, um Kosten zu sparen. Aber zahlreiche Aufgaben, Projekte und damit auch Ausgaben laufen auch in einem Jahr mit einer sehr verkürzten Meisterschaft trotzdem weiter.»

Maik Born, Finanzchef

Hat der Verband während der Pandemie denn nicht die Möglichkeit, Kosten zu sparen?

Maik Born: Selbstverständlich haben wir grosse Anstrengungen unternommen, um Kosten zu sparen. So sparen wir bei den Sport- und Eventausgaben, also beim 'sportbedingten Aufwand' rund 600'000 Franken ein. Daneben können wir auch vom Instrument der Kurzarbeit profitieren, um keine Mitarbeitenden entlassen zu müssen. Aber zahlreiche Aufgaben, Projekte und damit auch Ausgaben laufen auch in einem Jahr mit einer sehr verkürzten Meisterschaft trotzdem weiter. Unser Forecast für das laufende Geschäftsjahr sieht zurzeit ein Minus von rund einer halben Million Franken vor. Wir stehen finanziell also vor einer grossen Herausforderung.

Könnte der Verband nicht die Projekte im laufenden Jahr zurückfahren oder auf später verschieben und so weitere Kosten sparen?

Jürgen Krucker: Das wäre in der aktuellen Situation fatal. Im Gegenteil: Genau jetzt braucht es zusätzliche Anstrengungen und Aktivitäten. Wir müssen mit Bedacht investieren und wir müssen neue Spielformen entwickeln, damit im Rahmen der Bundesvorgaben möglichst schnell wieder Handball gespielt werden kann. Genau jetzt müssen wir dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche unserer Sportart erhalten bleiben, oder sogar neu dazu stossen. Sonst haben wir mittelfristig ein riesiges Problem.

Wenn die finanzielle Situation so prekär ist, warum bezahlt der Verband dann 500'000 Franken an Mannschaftsgebühren zurück?

Jürgen Krucker: Wie erwähnt konnten wir die Mannschaftsgebühren für die ausgefallenen Spiele zwischen Mitte Oktober und Dezember als Corona bedingten Schaden im Stabilisierungspaket 2020 des Bundes angeben, und dieser Betrag wurde uns als Unterstützung zugesagt. Dieses Geld aus diesem Hilfspaket gehört den Vereinen, nicht dem SHV.

Der SHV hat im Stabilisierungspaket 2020 keinen Schaden geltend machen können, obwohl ein Verlust von bis zu einer halben Million Franken im Raum steht. Warum konnte dieser Schaden nicht im Stabilisierungspaket angegeben werden?

Maik Born: Das Stabilisierungspaket deckt das Kalenderjahr ab und nicht unser Geschäftsjahr (Juli bis Juni, Red.). Im vergangenen Geschäftsjahr 2019/20 konnten wir aufgrund von Minderausgaben wegen der Pandemie einen hohen Gewinn von rund 180'000 Franken verzeichnen. Dieser Gewinn muss den Corona bedingten Schäden des ersten Halbjahrs der Saison 2020/21 gegengerechnet werden. So sind die Vorgaben des Stabilisierungspakets.

Ausserdem beziehen sich viele der Corona bedingten Schäden im Geschäftsjahr 2020/21 auf das Kalenderjahr 2021. Wir hoffen, dass wir diese dann im Stabilisierungspaket 2021 geltend machen können. Wir wissen aber heute noch nicht, wie die Vorgaben für dieses Stabilisierungspaket aussehen werden und welche Summe der Handball in der Schweiz zugesprochen erhält. Generell erwarten wir für das Jahr 2021 eine höhere Schadensumme aller Sportorganisationen.

Swiss Olympic wird in den kommenden Tagen allen Präsidenten eine Umfrage zum Stabilisierungspaket 2021 zustellen. Wir ermuntern alle Vereine, an dieser Umfrage teilzunehmen und so dem Bund aufzuzeigen, welche möglichen Schäden im Jahr 2021 in den Vereinen erwartet werden.

Krucker Juergen 600

«Bei den Lizenzen sind keine Rückerstattungen vorgesehen. Da haben wir finanziell gar keinen Handlungsspielraum. Wir sind zwingend auf die Lizenzbeiträge angewiesen, um unseren Betrieb aufrecht zu erhalten.»

Jürgen Krucker, Geschäftsführer

Neben den Mannschaftsgebühren sind natürlich auch die Lizenzen ein Thema. Sind dort Rückerstattungen vorgesehen?

Jürgen Krucker: Nein, eine Rückzahlung ist nicht vorgesehen, darüber herrscht auch Konsens in den verschiedenen Sportverbänden und bei Swiss Olympic. Vor allem haben wir auch finanziell gar keinen Handlungsspielraum. Wir sind zwingend auf die Lizenzbeiträge angewiesen, um unseren Betrieb aufrecht zu erhalten. Die Lizenzbeiträge bilden das Fundament, auf dem unser Verband steht. Jede Handballerin und jeder Handballer trägt so einen kleinen Teil zum grossen Ganzen und zu den vielen Aktivitäten sowie zu den Projekten zur Entwicklung des Sports bei.

Generell empfehlen wir auch unseren Vereinen, die Mitgliederbeiträge ihren Mitgliedern in Rechnung zu stellen. Wir zählen hier auf die Solidarität jedes einzelnen Mitglieds. Nur wenn jede und jeder einen Teil dazu beiträgt, ist diese Krise auch finanziell zu stemmen. Dies gilt sowohl für die Vereine als auch für die Verbände. Es ist gerade jetzt wichtig, als Community zusammenzustehen.

Wie sieht es mit den Akontozahlungen für die Schiedsrichter und die Delegierten aus? Hier haben die Vereine im September eine erste Rechnung für die Periode bis November erhalten, die auch Spiele beinhaltete, die gar nicht mehr ausgetragen wurden.

Maik Born: Das ist richtig, und diese Akontozahlungen werden selbstverständlich für alle Spiele zurückerstattet, die nicht stattgefunden haben. Aktuell ist die Saison nur unterbrochen. Sollten wir zu einem Abbruch gezwungen sein, werden wir nach Abschluss der Saison die Abschlussrechnungen erstellen und die zu viel bezahlten Gelder zurückerstatten.

Was unternimmt der SHV zurzeit konkret, um Aktivitäten zu ermöglichen?

Jürgen Krucker: Wir müssen laufend die Voraussetzungen schaffen, dass wir so schnell wie möglich wieder Handball spielen können, wenn es die Vorgaben des Bundes erlauben. Dazu werden laufend neue Szenarien und gemeinsam mit den Vereinen neue Spielpläne entwickelt, denn ein Re-Start braucht einen gewissen Vorlauf.

Gleichzeitig müssen wir natürlich auch bereits in alternativen Szenarien denken, falls ein Meisterschaftsbetrieb in dieser Saison nicht mehr möglich sein sollte. Dann müssen wir alternative Aktivitäten anbieten können, sei es in der Halle oder auch draussen. Dazu laufen derzeit diverse Abklärungen, und wir müssen flexibel handeln können.

Und aktuell geht es natürlich auch darum, dass wir uns dafür einsetzen, den Trainingsbetrieb für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre ohne Einschränkungen zu ermöglichen. Wir ermutigen die Vereine, diese Trainings unbedingt anzubieten, und wir setzen uns auf der politischen Ebene dafür ein, dass geschlossene Hallen für diese Kinder- und Jugendtrainings geöffnet werden.

Quelle: Marco Ellenberger

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