Nationalteams Nachwuchs • 22.07.2026

Tiago Cuencas war an der U20-EM der Schweizer Schlüsselspieler auf dem Weg zum ausgezeichneten achten Platz. Seine Spielweise ist ein Mix aus südamerikanischer Lebensfreude und helvetischer Präzision.
Tiago Cuencas gleitet durch die gegnerische Abwehrreihe wie ein warmes Messer durch die Butter. 67 Treffer erzielt der 18-jährige Spielmacher an der U20-Europameisterschaft – damit steht er im Torschützenklassement auf Platz drei. Zuweilen wirken die Gegner übermächtig, wie etwa in der Vorrunde gegen Serbien. Doch der 1,75-Meter grosse Schweizer degradiert den 2,05-Meter-Hünen Ivan Simic im Duell zum Statisten. Pfeilschnell sind seine Aktionen, wer nicht aufmerksam deckt, sieht ihn von hinten. Auch die Kreisanspiele werden im Verlauf des Turniers effektiver.
Wenn Cuencas einen Fehlpass spielt, wie beispielsweise im Viertelfinal gegen Dänemark, geht er sofort ins Gegenpressing, läuft in den Pass des Kontrahenten und erzielt doch noch das Tor. Bemerkenswert ist auch die Szene im Spiel um Platz sieben, als er einen Abpraller im Kreis der Spanier knapp über dem Boden erreicht und im Sprung im Gehäuse versenkt. «Ich will ständig den Ball. Auch im Training habe ich ihn in jeder freien Sekunde in der Hand», berichtet das Toptalent von Pfadi Winterthur, der das U21-Nationalteam auf den formidablen achten EM-Rang geführt hat.
Tiago Cuencas stammt aus Rikon im Tösstal, seine Mutter ist Schweizerin, sein Vater Brasilianer. In seiner Spielweise vermischt sich südamerikanische Lebensfreude mit helvetischer Präzision, darüber hinaus wirkt er aufgeschlossen und eloquent. «Tiago ist der Dreh- und Angelpunkt in unserem Spiel. Mit seinen spielerischen und menschlichen Qualitäten hat er unser Spiel extrem geprägt», vermerkt U21-Nationaltrainer Petr Hrachovec und Pfadi-Chefcoach Goran Cvetkovic hält fest: «Tiago hat eine rasante Entwicklung genommen. Es begeistert uns, wie bodenständig er ist.»
Auf die Komplimente in der Erziehung angesprochen, lacht Cuencas und sagt: «Meine Eltern sind beide Lehrer, vielleicht liegt es daran.» Zum Handball fand er beim Winterthurer Stadtverein Seen Tigers, weil dort auch seine Cou-Cousine spielte. Dass er auf diesem Parkett dereinst für Furore sorgen würde, war zunächst aber nicht absehbar. Als Jungspund widmete er sich auch anderen Sportarten, Kunst- und Geräteturnen beispielsweise, oder Fussball. Nach dem Eintritt in Pfadis Elite-Nachwuchs ändert sich dies: Cuencas übernahm immer mehr Verantwortung, gewann Meistertitel und Cup, avancierte überdies zum Junioren-Nationalspieler.
Im Herbst 2024, als Pfadi Winterthur viele Ausfälle zu beklagen hatte, erfolgte der Wechsel in den Erwachsenen-Handball. Cuencas war erst 16-jährig, als er innerhalb von zwei Monaten seinen Einstand in der NLB (September) und der NLA (November) gab. «Ich habe ziemlich gut trainiert, immer mehr gespielt und war bald die Nummer eins auf Rückraum Mitte», erzählt Cuencas, doch schmunzelnd gesteht er auch: «Zuerst getraute ich mich nicht, dem 2,08-Meter grossen Norweger am Kreis zu sagen, welche Sperre er stellen soll. Ich war 16, er fast 30.»
Es dauerte allerdings nicht lange, bis der angesprochene Kristian Rammel und Konsorten auf die Ideen von Cuencas eingingen. Weil er mit ihnen ins Gespräch kam, weil er im Training seine Qualität bewies. Auch Nationaltrainer Andy Schmid ist auf Cuencas aufmerksam geworden, als einziger aus dem Schweizer U20-EM-Kader debütierte er bereits im A-Nationalteam. Eine besondere Inspirationsquelle gibt es für ihn nicht, «ich will niemanden kopieren, sondern die beste Version von mir selber werden», erklärt Cuencas. Ein Vorbild hat er aber sehr wohl, und zwar seinen Grossvater, der seit dem ersten Tag bei seinen Spielen auf der Tribüne sitzt.
Der Vertrag von Cuencas bei Pfadi Winterthur dauert bis 2028, die Ausbildung an der United School of Sports bis 2027. Viele Gedanken darüber hinaus macht er sich noch nicht, als Spielgestalter will er in der NLA weiter wachsen. Dass er einen ähnlichen Weg wie Ex-Teamkollege Niclas Mierzwa (Rhein-Neckar Löwen) oder die Luzerner Luca Sigrist (Melsungen) und Gino Steenaerts (Rhein-Neckar Löwen) gehen will, versteht sich aber von selbst: «Das Ausland ist mein grösstes Ziel», sagt Tiago Cuencas. «Doch ich weiss auch, welche Dominanz und Reife ich vorher erlangen muss.»
Der SHV ist der nationale Fachverband und das Kompetenzzentrum für den Handballsport in der Schweiz.
Der SHV ist Mitglied von Swiss Olympic sowie des Weltverbands IHF und der Europäischen Handball Föderation EHF.
Schweizerischer Handball-Verband
,
Tannwaldstr. 2, 4600
Olten
Tel +41 31 370 70 00
-
shv-fsh@handball.ch