Ein Schritt unter der dunklen Wolke hervor

Nationalteams  •  04.11.2026

Die Schweiz verliert zum Auftakt des Euro Cups in Porto gegen Portugal. Zu viele vergebene Chancen verhindern ein engeres Resultat gegen den WM-Vierten und EM-Fünften. Für Nationaltrainer Andy Schmid liefert der Abend trotzdem eine wichtige Erkenntnis: Sein Team zeigt jene Einsatzbereitschaft und Gemeinschaft, die sie nach dem bitteren WM-Aus gegen Italien wieder auf den Platz bringen wollte.

Die Italien-Woche ist noch da. Auch Monate nach der verpassten WM-Qualifikation. Andy Schmid spricht nach dem Spiel in Porto von einer «dunklen Wolke», die wegen des Italien-Spiels über den vergangenen zweieinhalb Jahren hänge. Einer Zeit, in der sein Team viel aufgebaut hat und die nun auch mit diesem Rückschlag verbunden bleibt.

Deshalb beurteilt der Nationaltrainer den Auftritt gegen Portugal über das Resultat hinaus. Er sieht ein Team, dessen Wille und Einsatzbereitschaft stimmen. «Unsere Gemeinschaft ist unser Erfolgsgeheimnis. Dass wir sie bewahrt haben, haben wir heute gezeigt», sagt Schmid. Das erklärt, weshalb seine erste Bilanz trotz der Niederlage positiv ausfällt. Und weshalb es sich lohnt, diesen Abend genauer anzuschauen.

Die Chancen sind da
Die Schweiz findet gegen Portugal häufiger Lösungen, als es der zwischenzeitliche Rückstand vermuten lässt. Sie kommt an den Kreis, schafft Durchbrüche und holt Siebenmeter heraus. Das ist gegen den WM-Vierten eine wichtige Erkenntnis: Die portugiesische Abwehr ist für dieses Schweizer Team durchaus zu öffnen.

Doch eine herausgespielte Chance bringt auf diesem Niveau noch keinen Ertrag. Zu viele freie Abschlüsse bleiben ungenutzt. Dazu kommen Ballverluste, die Portugal direkt in Gegenstosstore verwandelt. So muss die Schweiz zunehmend einem Rückstand nachlaufen, obwohl sie im eigenen Angriff durchaus Möglichkeiten findet. Schmid unterscheidet deshalb zwischen der Qualität der erarbeiteten Chancen und jener der Abschlüsse. «Wir haben gute Chancen bekommen und sie liegen gelassen», sagt er. Die Fehlwürfe ärgern ihn. Dass sein Team überhaupt zu diesen Möglichkeiten kommt, bestärkt ihn dagegen in der Beurteilung des Auftritts. Beides gehört zu diesem Abend: Die Schweiz kann Portugal vor Probleme stellen. Sie belohnt sich dafür zu selten.

Ein Versuch, der Perspektiven eröffnet
Die breiten Positionen der Kreisläufer sind dabei ein bewusster Ansatz. Schmid will die kompakte portugiesische Deckung auseinanderziehen und Raum für die Schnelligkeit von Mehdi Ben Romdhane, Felix Aellen, Tiago Cuencas und Luca Sigrist schaffen. Darin steckt eine Überlegung über dieses Spiel hinaus. Die Schweiz sucht nach Wegen, ihre vorhandenen Qualitäten gegen körperlich starke Gegner einzusetzen. Sie braucht dafür Spieler, die Lücken erkennen, sie mit Tempo attackieren und im richtigen Moment den Ball weiterspielen.

Die Verbindung zwischen Aellen und Joël Willecke zeigt, was dadurch entstehen kann. Willecke wird wiederholt gefunden und bringt sich als Abschlussoption am Kreis ein. Ben Romdhane erzeugt mit seinen Durchbrüchen ebenfalls Druck und holt mehrere Siebenmeter heraus. Für Schmid sind das verwertbare Erkenntnisse auf dem Weg zur Heim-EM 2028. Welche Kombinationen funktionieren gegen starke Gegner? Wer kann Verantwortung übernehmen? Und welche Lösungen lassen sich so festigen, dass sie auch unter Druck zuverlässig abrufbar werden?

Portugal zeigt, was der Schweiz noch fehlt
Die beiden Teams verbindet eine Vorgeschichte, die den Blick auf diesen Abend schärft. Im März 2022 gewann Portugal in Guimarães mit 33:26 und drei Tage später in Winterthur mit 33:28. Für die Schweiz endete der Weg zur WM 2023. Portugal zog weiter und setzte sich anschliessend auch gegen die Niederlande durch. Andy Schmid stand damals noch auf dem Feld. Gut viereinhalb Jahre später geht es unter anderen Voraussetzungen weiter. Als Gastgeber sind beide Teams für die EURO 2028 bereits qualifiziert. Der Euro Cup mit Spanien und Dänemark bietet ihnen sechs anspruchsvolle Partien anstelle der EM-Qualifikation. Der Startplatz ist sicher. Die Konkurrenzfähigkeit vor eigenem Publikum müssen sie sich bis dahin erarbeiten.

Portugal zeigt, wie eine solche Entwicklung gelingen kann. Zwischen der Heim-WM 2003 und der Weltmeisterschaft 2021 fehlte das Nationalteam bei sämtlichen WM-Endrunden. Unter Paulo Pereira, seit 2016 Nationaltrainer, gelang Schritt für Schritt der Anschluss. EM-Rang sechs 2020, mit einem Sieg gegen Frankreich, markierte den Durchbruch. Es folgten WM-Rang zehn 2021 und die erste Olympiaqualifikation, gesichert durch einen weiteren Sieg gegen Frankreich in den letzten Sekunden. 2025 erreichte Portugal erstmals einen WM-Halbfinal. Im Spiel um Bronze fehlte beim 34:35 gegen Frankreich ein Tor zur Verlängerung. Die EURO im vergangenen Januar bestätigte die Entwicklung: Portugal schlug Dänemark in Herning mit 31:29 und erreichte mit dem 36:35 gegen Schweden Rang fünf, das beste EM-Ergebnis seiner Geschichte.

Die Reaktion zählt. Sie reicht noch nicht.

Nach dem 11:18 zu Beginn der zweiten Halbzeit hätte sich die Partie weiter von der Schweiz entfernen können. Stattdessen arbeitet sich das Team auf 19:23 heran. Es bleibt bereit, die Wege zu gehen, Zweikämpfe anzunehmen und sich die nächsten Chancen zu erarbeiten. Das ist vor dem Hintergrund des WM-Aus gegen Italien bedeutsam. Sein Team muss nach einer solchen Enttäuschung wieder Vertrauen in die gemeinsame Arbeit finden. Genau deshalb spricht Schmid so ausführlich über Einsatzbereitschaft und Zusammenhalt. Die Reaktion führt allerdings zu keiner offenen Schlussphase. Sobald die Schweiz näherkommt, fehlen weitere verwertete Chancen oder die nötigen Stopps in der Abwehr. Sie hält dagegen, ohne Portugal die Kontrolle über das Spiel nochmals zu entreissen. Auch das ist Teil der Standortbestimmung.

Gegen Dänemark wird diese Bereitschaft erneut gefragt sein. Ebenso die Konsequenz vor dem Tor. Die Rekordkulisse in der Swiss Life Arena kann der Schweizer Auswahl Energie geben. Damit daraus sportlich etwas entsteht, muss die Schweiz ihre guten Aktionen häufiger zu Ende bringen. Für Schmid ist vor allem wichtig, dass sein Team diese Aufgabe gemeinsam annimmt. Die dunkle Wolke der Italien-Woche hängt noch über ihr. In Porto hat sie gezeigt, dass sie darunter weiterarbeiten kann. Am Sonntag erhält sie die nächste Gelegenheit, daraus mehr zu machen.

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Portugal – Schweiz 33:28 (16:11)
Super Bock Arena, Porto. EHF Euro Cup 2028.

Schweiz: Portner (10 Paraden), Scheidiger (1); Meister, Aellen (4), Kusio, Röthlisberger, Maros, Steenaerts (3), Laube, Wanner, Sigrist (3), Samuel Zehnder (2/2), Willecke (8), Cuencas, Leopold (4/4), Ben Romdhane (4).
Strafen: 4×2 Minuten gegen die Schweiz; Siebenmeter: Portugal 4/7, Schweiz 6/7; Die Schweiz spielt ohne Seravalli (überzählig)

Quelle: SHV / Beni Rachad (Text); Benjamin Faes (Bild)

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