Top-Ligen • 18.09.2026
44 Minuten vor dem ersten Champions-League-Heimspiel des HC Kriens-Luzern betritt Andy Schmid die Pilatus Arena. Am Ende steht ein deutliches 29:39 gegen den SC Magdeburg. Dazwischen liegt ein Abend, der ziemlich gut zeigt, wo der Schweizer Clubhandball heute steht und welcher Weg noch vor ihm liegt.
20.16 Uhr.
Andy Schmid betritt gemeinsam mit seinem Assistenten, Thomas Zimmermann, das Spielfeld. Trainerhose, lockeres Oberteil, ein kurzer Wink auf die Tribüne, dann setzt er sich auf die Bank und beobachtet. Wenige Minuten später sucht er den Kontakt zu seinen Spielern, klatscht ab, umarmt und gibt letzte kurze Inputs. Während sich die Arena langsam füllt, gehört die Akustik zunächst den Gästen. Der Magdeburger Fanblock ist voll, laut und schon vor dem Anpfiff präsent.
Dann wird es dunkel. Auf dem Videowürfel fliegt der Pilatus-Drache durch die Innerschweiz, das Publikum erhebt sich, der HC Kriens-Luzern läuft ein und durch die Arena erklingt die Champions-League-Hymne. Ein Moment, der im Schweizer Handball hängen bleiben darf.
Sieben Jahre lang spielte kein Schweizer Männerclub in der Champions League. Für den HC Kriens-Luzern ist es die erste Teilnahme überhaupt. Nun steht mit dem SC Magdeburg ein Club auf der anderen Seite, der zur europäischen Spitze gehört.
Und der Blick über Luzern hinaus zeigt: Schweizer Spuren gibt es in dieser Champions League einige. Nikola Portner steht bei PICK Szeged im Tor, Manuel Zehnder läuft für GOG auf, Noam Leopold, der nach dieser Runde als MVP der EHF Champions League erkoren wurde, für den HBC Nantes und Ex-Krienser Luca Sigrist für die MT Melsungen. Vier Schweizer Nationalspieler sammeln nicht nur Woche für Woche Erfahrungen auf der höchsten europäischen Clubstufe, sondern spielen mit und gegen die Besten.
Zehnder und Portner verbindet mit dem Gegner dieses Abends sogar noch mehr. Noch vor wenigen Monaten wurden beide mit Magdeburg deutscher Meister, bevor sie im Sommer weiterzogen. Die europäische Spitze ist an diesem Donnerstag also in Luzern zu Gast. Gleichzeitig sind Schweizer Spieler längst Teil von ihr.
Mittendrin in der Pilatus Arena: Andy Schmid.
Kurz vor dem Anpfiff umarmt er Magdeburgs Trainer Bennet Wiegert, begrüsst die Schiedsrichter und nimmt seinen Platz am Ende der Bank ein. Hände hinter dem Rücken, Blick aufs Feld.
Dann beginnt das Spiel.
Kriens startet mutig, spielt früh Sieben gegen Sechs, doch Magdeburg bestraft die offenen Räume konsequent. Nach elf Minuten steht es 5:9.
Schmid sucht immer wieder den direkten Austausch mit seinen Rückraumspielern und seinem Abwehrchef. Kurze Inputs, klare Gesten, wenig Inszenierung. Beim Stand von 7:12 nimmt er sein erstes Team-Timeout, verschiebt Magnete auf der Taktiktafel und gibt neue Anweisungen. Doch offensiv findet Kriens kaum Lösungen. Gerade dort, wo Schmid als Spieler jahrelang seine Meisterklasse gezeigt hat, beisst sich sein Team an diesem Abend an der Magdeburger Abwehr und am Torhüter fest.
Zur Pause steht es 11:20.
Auch in der zweiten Halbzeit bleibt das Bild ähnlich. Schmid korrigiert, fordert und nimmt Spieler zur Seite. Oft steht er mit den Händen in der Hüfte abgestützt an der Seitenlinie, ohne aktiv Einfluss aufs Spielgeschehen nehmen zu können. Drei Minuten vor Schluss schickt er noch ein junges Talent aufs Feld, das nach zwei gehaltenen Versuchen mit dem dritten Abschluss trifft.
Dann ist Schluss.
29:39.
3’899 Zuschauerinnen und Zuschauer sehen an diesem Abend keine Sensation. Sie sehen einen Gegner, der klar weiter ist und Fehler auf diesem Niveau konsequent bestraft.
Sie erleben gleichzeitig eine Arena, die Champions-League-Handball tragen kann, einen Fanclub, der auch bei deutlichem Rückstand weitermacht, eine Champions-League-würdige Pre-Game-Show und ein Publikum, das bis zum Ende dabei bleibt. Die zehn Tore Differenz gehören deshalb genauso zur Geschichte wie die 3’899 Menschen auf den Rängen.
Denn ein Spark bedeutet nicht, dass das Feuer bereits brennt.
Die Schweizer Spuren in Nantes, Szeged, Gudme oder Melsungen, ein Schweizer Club zurück in der Champions League, junge Spieler auf dieser Bühne und Abende wie dieser in Luzern sind einzelne Funken. Sie zeigen, wo Entwicklung stattfindet und was bereits möglich geworden ist. Damit daraus mehr entsteht, braucht es Wiederholung, Kontinuität und Zeit. Weitere internationale Spiele, weitere volle Sektoren, weitere Spieler, die den nächsten Schritt machen, weitere Clubs, die wachsen, und Geschichten, die über die bestehende Handball-Community hinausreichen.
Um 22.11 Uhr verlässt Andy Schmid die Arena. Magdeburg hat an diesem Abend deutlich gezeigt, wie hoch die Messlatte liegt.
Das Feuer brennt noch nicht.
Aber die Funken sind da.
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