Nationalteams • 23.10.2026
Die Schweiz verliert den EM-Test in Most gegen Tschechien mit 22:27. Sechs Wochen vor der Endrunde zeigt sich ein Team, das körperlich dagegenhält und Verantwortung neu verteilt. Auf dem Weg von der ersten WM zur nächsten Europameisterschaft geht es nun darum, diese Qualitäten länger und verlässlicher auf den Platz zu bringen.
Era Baumann stellt sich einer deutlich grösseren tschechischen Rückraumspielerin entgegen und stoppt sie regelkonform. Wenig später beschleunigt sie nach einem Gegentreffer sofort wieder, trifft nach schneller Mitte und holt eine Zeitstrafe heraus. Zwei Szenen, in denen viel von dem steckt, was dieses Schweizer Nationalteam entwickeln will: entschlossen verteidigen, mutig vorwärtsgehen, selbst Einfluss auf das Spiel nehmen. Solche Funken gibt es in Most einige. Daphne Gautschi findet Joline Erni am Kreis und unterbricht hinten gleich den nächsten tschechischen Angriff. Sev Albrecht kommt vom rechten Flügel zu ihrem ersten Treffer, kaum ist sie eingewechselt. Von der Bank kommt Energie für die Abwehr. Und im Tor hält Lea Schüpbach die Schweiz mit ihren Paraden auch dann im Spiel, als vorne zunehmend die Sicherheit fehlt.
Beim 14:14 zur Pause ist die Partie offen. Am Ende steht eine Niederlage mit fünf Toren Unterschied. Dazwischen liegt eine Aufgabe, die für die kommenden Wochen zentral wird: Wie gelingt es, den eigenen Aufwand über ein ganzes Spiel in Wirkung zu übersetzen? «Wenn wir so gut verteidigen, müssen wir auch mehr daraus machen», sagt Nationaltrainer Knut Ove Joa unmittelbar nach dem Abpfiff. Er lobt die aggressive Defensive und sieht genügend Möglichkeiten im Angriff. Sein Urteil über die Ausbeute ist ebenso klar: «22 Tore sind nicht genug.»
Standortbestimmung für die EURO
Tschechien ist für diese Standortbestimmung ein Gegner mit Geschichte. 2021 und 2023 versperrten die Tschechinnen der Schweiz in den Playoffs den Weg an die WM. Besonders das Rückspiel 2023 zeigte beim 27:36, wie viel des jungen Schweizer Teams gegen eine körperlich starke, erfahrene Auswahl noch fehlte. Damals gehörten mehrere der heutigen Verantwortungsträgerinnen bereits zum Team. Seither hat sich die Ausgangslage verändert. Die Schweiz hat ihre erste WM gespielt und sich erstmals aus eigener Kraft für eine EM qualifiziert. Aus dem Wunsch, auf diesen Bühnen dabei zu sein, ist ein sportlich erarbeiteter Anspruch geworden.
Die WM 2025 zeigte zugleich, welche Anforderungen dort warten. Nach den Siegen gegen Iran und Senegal folgten vier Niederlagen. Gegen Ungarn führte die Schweiz noch zur Pause, gegen Rumänien geriet sie früh deutlich ins Hintertreffen und verlor zum Abschluss 24:36. Gute Phasen waren vorhanden. Sie über längere Strecken gegen stärkere Gegnerinnen zu bestätigen, blieb die Herausforderung. Danach mussten Aufgaben neu verteilt werden. Kerstin Kündig trat aus dem Nationalteam zurück, Tabea Schmid fiel mit einer schweren Knieverletzung aus. Trotzdem sicherte sich die Schweiz im April das EM-Ticket vorzeitig und schloss die Qualifikation mit acht Punkten hinter den Niederlanden ab. Gegen Bosnien-Herzegowina und Italien setzte sie sich auch ohne diese beiden zentralen Figuren klar durch.
Es gilt, den Funken zu zünden
Wie viel Arbeit zwischen solchen Meilensteinen liegt, beschreibt Joa in Most. Gegenüber April habe sich die Zusammensetzung erneut verändert. Einige Spielerinnen fehlten, andere müssten integriert werden. «Spielerinnen müssen in neue Rollen hineinwachsen.» Diese Rollen verlangen mehr als einzelne gelungene Aktionen. «Einige Spielerinnen übernehmen mehr Verantwortung. Sie müssen auch darauf vorbereitet sein, etwas länger zu spielen», erklärt der Nationaltrainer. Die gute Abwehr koste einzelne Akteurinnen Kraft. Nun sucht der Staff nach Besetzungen, die gemeinsam funktionieren und diese Belastung tragen können.
Das gibt den Schwierigkeiten der zweiten Halbzeit einen konkreten Zusammenhang. Die Schweiz bleibt engagiert, verliert im Angriff aber an Präzision. Technische Fehler und vergebene Chancen häufen sich. Schüpbachs Paraden verschaffen immer wieder Möglichkeiten, die vorne zu selten genutzt werden. Hier liegt die nächste Entwicklungsaufgabe: nach intensiver Abwehrarbeit auch im Angriff klare Entscheidungen treffen, miteinander Lösungen finden und Abschlüsse verwerten. Die nächste Chance haben die Schweizerinnen am Sonntag im zweiten Test gegen Tschechien.
Auf dem Weg nach Rumänien
Im Dezember wird das in Cluj-Napoca (Rumänien) erneut gefordert sein. Zuerst wartet Nordmazedonien, danach Norwegen, zum Abschluss der Vorrunde Gastgeber Rumänien. Gerade die Begegnung mit den Rumäninnen verbindet die beiden Turniere: Was beim WM-Abschluss noch deutlich zu schwierig war, kommt ein Jahr später wieder auf die Schweiz zu.
Die nächsten Wochen geben den Spielerinnen Zeit, in ihren Vereinen weiter Spielpraxis zu sammeln. Im November kommt das Nationalteam zum letzten Lehrgang vor der EURO zusammen. Mit dem Testspiel gegen Serbien in der St. Galler Kreuzbleiche | 17:00 Uhr) folgt kurz vor der Abreise nach Rumänien die nächste Gelegenheit, das Zusammenspiel zu festigen. Dort wird sich zeigen, was aus der Arbeit seit Most gewachsen ist: Finden die Schweizerinnen auch unter Druck gemeinsame Lösungen? Können sie ihre defensive Energie besser in Tore umsetzen? Den Platz an der EM hat sich dieses Team erarbeitet. Jetzt arbeitet sie daran, ihre Möglichkeiten dort auszuschöpfen.
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