Nationalteams • 22.09.2026
In Stavanger trainiert das Schweizer Frauen-Nationalteam wenige Autominuten vom Zuhause seines Trainers entfernt. Wer Knut Ove Joa hier beobachtet, sieht einen Coach, der viel Raum lässt und genau hinschaut. Und ein Team, das nach seinen ersten grossen Erfolgen lernen will, noch mehr aus seinen Möglichkeiten zu machen.
Bevor der Ball fliegt, steht das Team im Kreis. Knut Ove Joa spricht, die Spielerinnen hören zu. Danach wird abgeklatscht. Eine nach der anderen, das ganze Team, der ganze Staff. Eine kleine Handlung zu Beginn des Trainings. Alle gehören dazu.
Zuhause beim Nationaltrainer
In Stavanger lässt sich dem Schweizer Nationaltrainer bei seiner Arbeit zuschauen. Wie er am Spielfeldrand steht, den Stift in der Hand bewegt, das Geschehen verfolgt. Wie er Übungen laufen lässt und seinen Spielerinnen Zeit gibt, selbst Lösungen zu finden. Wie er einige von ihnen zu sich holt, die Taktiktafel nimmt und etwas erklärt. Seine Stimme bleibt ruhig. Die Korrektur soll ankommen.
Joa ist ein grosser Mann, der wenig Aufhebens um sich macht. Hier ist er zudem Gastgeber. Am Montagmittag empfängt er die Schweizer Delegation im Hotel. Rund zehn Autominuten entfernt liegt sein Zuhause in Joa, am Hafrsfjord, nahe dem Flughafen Stavanger. Für das Nationalteam ist diese Woche eine Reise nach Norwegen. Für seinen Trainer führt sie nach Hause. Trainiert wird in der Halle von Sola, einem Club aus der Champions League. Die Nähe zum internationalen Spitzenhandball bekommt hier eine sehr konkrete Form: gemeinsame Einheiten, direkte Duelle, zwei Gruppen, die jeweils auf ein Tor arbeiten. Die Schweizerinnen können sich an einem anderen Team messen, Abläufe wiederholen und unmittelbar erfahren, was unter diesem Druck funktioniert.
Sola und die Schweizer Verbindungen
Auch Schweizer Handballgeschichten sind in dieser Halle längst angekommen. Noëlle Osterwalder, Absolventin der CONCORDIA Handball-Akademie, wechselte im Sommer von Yellow Winterthur zu Sola. Die 18-jährige Rückraumspielerin hat Ende August bereits ihre ersten Minuten in der höchsten norwegischen Liga erhalten. Der Weg aus der Schweizer Nachwuchsförderung führt sie in einen Alltag, in dem sie mit international erfahrenen Spielerinnen trainiert. Diese Woche begegnen sich hier ein Schweizer Talent auf seinem neuen Weg und das Schweizer Nationalteam.
Raphael Kramer kennt die sportliche Herausforderung an diesem Ort bereits. Im November 2024 trat er mit dem LC Brühl Handball in der Qualifikation zur European League zweimal auswärts gegen Sola an. Die St. Gallerinnen verloren 23:33 und 32:37. Knapp zwei Jahre später ist Kramer als Assistent von Joa zurück. Damals ging es darum, gegen Sola zu bestehen. Jetzt lassen sich aus dem gemeinsamen Training Erfahrungen für das Nationalteam gewinnen.
Raum geben, genau hinschauen
Joa gibt Kramer im Angriff viel Raum. Sein eigenes Augenmerk gilt aktuell häufig der Abwehr. Er beobachtet, lässt weiterspielen, nimmt wieder einen Teil des Teams zusammen. Seine Eingriffe sind unspektakulär. Über eine ganze Einheit hinweg wird aber sichtbar, wie genau er hinschaut. Ruhe bedeutet bei ihm Aufmerksamkeit. Das passt zu einem Team, dessen Spielerinnen zunehmend eigene Erfahrungen auf hohem Niveau mitbringen. Nuria Bucher reiste nach sieben Toren in der Champions League gegen Nykøbing an; sie war am Sonntag Blombergs erfolgreichste Werferin. Laurentia Wolff erzielte Anfang September für Oldenburg sieben Treffer gegen den Thüringer HC. Solche Leistungen zeigen, wie Schweizerinnen auch in anspruchsvollen Begegnungen Verantwortung übernehmen.
Nicht jeder Verlauf lässt sich planen. Malin Altherr verletzte sich am Samstag im Ligaspiel zwischen Brühl und Zug am Fuss, Lea Schärer rückte nach. Auch damit muss ein Nationalteam umgehen: Spielerinnen fehlen, andere erhalten eine Gelegenheit, Konstellationen verändern sich. Joa hat die Aufgabe, diese unterschiedlichen Voraussetzungen in eine gemeinsame Spielidee zu übersetzen.
Am nächsten Funken arbeiten
In der Halle wird viel sechs gegen sechs gespielt. Positionsangriff, Abwehr, dieselbe Situation noch einmal. Wer die Schweizerinnen aus ihren erfolgreichsten Momenten kennt, hat häufig ein anderes Bild vor Augen: Die Abwehr oder Torhüterin sichert den Ball, der Pass geht nach vorne, eine Flügelspielerin empfängt ihn im Gegenstoss. Wenige Sekunden reichen, um das Spiel auf die andere Seite des Feldes zu bringen.
Dieses Tempo gehört zur Stärke des Teams. Es braucht eine Abwehr, die Bälle gewinnt, und Spielerinnen, die den richtigen Moment erkennen. Und wenn der schnelle Abschluss ausbleibt, braucht es gemeinsame Lösungen gegen eine formierte Defensive. Genau darin liegt die Bedeutung dieser Wiederholungen in Stavanger. Das Team arbeitet daran, sein Spiel auch dann durchzubringen, wenn der Gegner ihm die bevorzugten Wege versperrt.
Mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche
Die vergangenen Monate haben gezeigt, was bereits möglich ist. Bei ihrer ersten WM-Teilnahme 2025 erreichten die Schweizerinnen mit Siegen gegen Iran und Senegal sofort die Hauptrunde. Dort folgten drei Niederlagen. Die Premiere brachte Erfolg und Anschauungsunterricht zugleich: Auf diesem Niveau werden die Grenzen des eigenen Spiels deutlich. Im Frühling gelang anschliessend mit vier Siegen gegen Italien und Bosnien-Herzegowina die Qualifikation für die EURO 2026. Besonders aufschlussreich war daneben das 22:25 auswärts gegen die Niederlande. Gegen den WM-Vierten lag die Schweiz zur Pause nur ein Tor zurück und kam kurz vor Schluss nochmals auf zwei Treffer heran. Lea Schüpbach hielt 15 Bälle. Ein Auftritt, der Fortschritte sichtbar machte und die Frage offenliess, was mit etwas mehr Genauigkeit möglich gewesen wäre.
Aus solchen Erfahrungen wachsen Ansprüche. Wer erlebt hat, dass er mithalten kann, beginnt, sich mehr zuzutrauen. Damit daraus beim nächsten Mal ein anderes Ergebnis wird, braucht es die Arbeit, die Joa hier begleitet: beobachten, verstehen, korrigieren, wiederholen.
Weltklasse im Trainingsalltag
Und manchmal verdichtet sich die Bedeutung dieser Woche in einer ganz beiläufigen Szene. Beim Fussball zum Aufwärmen macht der Sohn von Camilla Herrem mit. Seine Mutter, zweimalige Olympiasiegerin und eine der prägenden Flügelspielerinnen des norwegischen Handballs, steht mit den Schweizerinnen auf demselben Trainingsfeld. Zwischen Weltklasse und Trainingsalltag liegt hier kaum Abstand. Für Osterwalder wird dieses Umfeld zum Alltag. Für das Nationalteam ist es eine gemeinsame Erfahrung, die über einzelne Übungen hinausreicht. Man lernt voneinander, erlebt andere Selbstverständlichkeiten und nimmt etwas davon mit.
Darin liegen die kleinen Funken dieser Woche: im direkten Duell mit einer Weltklassespielerin, im Wiedersehen mit einem Schweizer Nachwuchstalent, im Zutrauen, eine Situation selbst zu lösen. Joa schafft dafür Raum. Und wenn er eine Korrektur für nötig hält, nimmt er seine Taktiktafel und holt die Spielerinnen zu sich. Der nächste Fortschritt beginnt genau dort. Wenige Autominuten von seinem Zuhause entfernt.
Der SHV ist der nationale Fachverband und das Kompetenzzentrum für den Handballsport in der Schweiz.
Der SHV ist Mitglied von Swiss Olympic sowie des Weltverbands IHF und der Europäischen Handball Föderation EHF.
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